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Genderbias: Wie deutsche Stellenausschreibungen unbewusst zwischen Mann und Frau unterscheiden – oder wie geschlechtsspezifische Sprache die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern verfestigt.

Genderbias – das Problem der Gleichberechtigung der Geschlechter. Wir haben den Einblick.

In der heutigen Zeit wird die Gleichberechtigung der Geschlechter immer häufiger gefordert und die Genderbias aufgedeckt. Seit dem 01.01.2019 wurde auch das Gesetz des dritten Geschlechts rechtlich bindend. Unternehmen sind daher verpflichtet ihre Stellenanzeigen genderneutral zu verfassen. Das heißt, dass die Bezeichnung „(m/w)“ allein nicht mehr ausreicht. Es muss ein „i“ für intersexuell oder ein „d“ für diverse hinzugefügt werden. Andernfalls besteht die Möglichkeit der Klage wegen Diskriminierung.

Frauen sind in vielen Berufen nachweislich unterrepräsentiert. So lag z. B. der Anteil von Frauen in deutschen Vorständen 2017 bei nur sieben Prozent (Quelle: Beratungsunternehmens EY). Nur 23% der Professuren an deutschen Hochschulen und Universitäten wurden 2015 an Frauen vergeben (Quelle: Statistisches Bundesamt). Ebenso sind nur 13% in den Ingenieursberufen weiblich (Quelle: Statistisches Bundesamt).

Einer Möglichkeit, um diese Genderbias aufzudecken, sind Forscher mit folgendem Experiment nachgegangen. Gaucher, Friesen und Kay untersuchten die Häufigkeit der männlichen Wörter wie „dominant“ und „kompetitiv“ in Stellenausschreibungen und ob diese einen Einfluss darauf haben, wie viele Männer und Frauen sich auf diese Stelle bewerben. In einem weiteren Versuch vor 45 Jahren fanden Bem und Bem heraus, dass die Sprache in den Stellenausschreibungen einen großen Einfluss darauf hat, ob sich beispielsweise eine Frau für ein typisches Männerberuf bewirbt oder nicht. Die Sprache wurde dabei so verändert, dass in der Stellenanzeige für ein „Männerberuf“ eine weibliche Sprache gewählt wurde. Das Ergebnis? Es haben sich tatsächlich mehr Frauen auf diese Stelle beworben.

Geschlechtsstereotype in Genderbias und wie sie Einfluss auf die Sprache haben

Der Unterschied von männlicher und weiblicher Sprache ist bereits mehrfach nachgewiesen. Frauen tendieren eher zu einer emotionaleren Sprache und sprechen häufiger über Beziehungen als Männer, was sich beispielsweise in der Verwendung von Personalpronomen zeigt. Ist beispielsweise die Sprache in einer Stellenausschreibung sehr maskulin, nehmen Frauen unterbewusst wahr, dass dieser Beruf von vermutlich von Männern dominiert wird. Die Folge: Frauen bewerben sich deutlich seltener.


Genderbias - Studie Gaucher und Kollegen

In einer Studie von Gaucher und Kollegen gingen die Forscher unterschiedlichen Fragestellungen nach. Zunächst untersuchten sie, ob geschlechtsspezifische Formulierungen in englischen Stellenausschreibungen existieren. Dazu sammelten die Forscher 4000 Stellenanzeigen im Internet und wählten zehn Berufe aus, die sie nach dem Anteil von Männern und Frauen sortierten. Anschließend analysierten sie die Stellenanzeigen mit einer Textanalyse Software, um diese auf bestimmte maskuline und feminine Worte zu untersuchen.

Ziel war es herauszufinden ob die Menge der Geschlechtsworte mit der Menge an Männern und Frauen in den Berufen zusammenhängt. Wie man es bereits erahnen konnte, konnte tatsächlich beobachtet werden, dass der Anteil an maskulinen Worten höher ist, je höher der Männeranteil in einem Beruf war. Bei einem weiteren Versuch, bewerteten Männern und Frauen Stellenausschreibungen nach Attraktivität Hier zeigen sich ähnliche Unterschiede: Frauen bewerteten Stellenausschreibungen weniger attraktiv, wenn darin viele maskuline Worte verwendet wurden. Überraschenderweise galt das aber nicht für Männer. Ihre Bewertung wurde kaum von der Anzahl femininer oder maskuliner Worte beeinflusst.


Genderbias - 100 Worte führt das Experiment ebenfalls durch

Die Befunde von Gaucher und Kollegen haben uns neugierig gemacht und wir haben uns gefragt, ob auch auf dem deutschen Stellenmarkt diskriminierende Geschlechtereffekte bzw. Genderbias in Stellenausschreibungen zu finden sind.

Anders als beim Versuch von Gaucher, sammelten wir 32 000 Stellenausschreibungen aus Online-Jobbörsen. Jedoch mussten wir unseren Textanalyse-Core um zwei Wörterbüchern für die maskulinen und femininen Wörter erweitern.

Gaucher et al. untersuchten in ihrer Studie aber keine strukturellen Funktionsworte, sondern Inhaltsworte. Wir gingen also auf die Suche nach Worten, die – gemäß der Definition von Gaucher und Kollegen – für Maskulinität und Feminität standen. Ausgestattet mit 32.000 Stellenausschreibungen für die unterschiedlichsten Berufe und den beiden Wörterbüchern brauchte es jetzt noch eine Software zur Verarbeitung der Ausschreibungen. Hier kam die 100 Worte Textanalyse zum Einsatz. Mit ihr war es möglich, die Stellenanzeigen auf die geschlechterspezifischen Formulierungen aber auch auf weitere psychologische Merkmale hin zu untersuchen. Wie unsere Analyse genau funktioniert könnt ihr in unserer Studie über die Vorhersage von Motiven nochmal lesen.

Für den Vergleich der Geschlechterverteilung in den einzelnen Berufen griffen wir auf Daten des statistischen Bundesamtes zurück. Berufe mit besonders hohem Männeranteil sind Metallbauer (1% Frauenanteil), Elektriker (1%), Mechaniker (5%), Ingenieur (13%), Sicherheitspersonal (22%), Berufe mit einem hohen Frauenanteil sind Arzthelfer (99%), Erzieher (96%), Krankenpfleger (86%), Sozialarbeiter und Buchhalter (76%). Zusätzlich zum Vorgehen von Gaucher et al. erhoben wir Implizite Motive – also Beweggründe, die menschliches Denken leiten und Handeln steuern, welche zentral in der Sozialpsychologie sind.

Wir nahmen an, dass es in den Stellenausschreibungen nicht nur Unterschiede in der Verwendung von femininer und maskuliner Sprache gibt, sondern auch in den Motiven. Es wurde z. B. in diversen Studien festgestellt, dass Frauen ein höheres Beziehungsmotiv haben als Männer. Wir vermuten diesen Unterschied auch in den Stellenausschreibungen zu finden. Darüber hinaus erwarteten wir höhere Ausprägungen des Machtmotivs in Stellenausschreibungen für männer-dominierte Berufe, sowie einen positiven Zusammenhang zwischen maskuliner Sprache und dem Auftreten von Worten, die ein Machtmotiv ausdrücken.


Genderbias-Experiment: Die Auswertung der Daten

Wir untersuchten die sprachlichen Unterschiede für Berufe mit hohem Anteil eines bestimmten Geschlechts, die in der nachfolgenden Abbildung geclustert wurden. Sprachliche Unterschiede in Berufen mit hohem Anteil eines Geschlechts

Genderbias : Berufe

Die folgenden Abbildungen zeigen die Häufigkeit von maskuliner und feminier Sprache in den zwei Clustern männer- und frauen-dominierte Berufe. Abbildung 1 zeigt: Genderbias : Abbildung1 Stellenausschreibungen in männer-dominierten Berufen enthalten mehr maskuline Worte als Stellenausschreibungen in frauen-dominierten Berufen. Gleiches gilt – sogar in stärkerem Ausmaß aber in umgekehrter Richtung – für die frauen-dominierten Berufe. Mit diesen Befunden bestätigen wir Gaucher et al., da sie den gleichen Unterschied aufzeigten. Unsere zweite Beobachtung – die Ungleichverteilung von femininer Sprache – machten Gaucher et al. allerdings nicht.

Im zweiten Schritt untersuchten wir die Stellenausschreibungen nach Motiven. Es zeigten sich Unterschiede für das Beziehungsmotiv und das Leistungsmotiv. Während das Leistungsmotiv in männer-dominierten Berufen deutlich häufiger angesprochen wurde, kam in frauen-dominierten Berufen häufiger ein Beziehungsmotiv zum Ausdruck. Das Machtmotiv unterschied sich in den genannten Berufen nicht (vgl. Abbildung 2).

Genderbias : Abbildung 2

Genderbias – Für alle die gleiche Chance!

Ziel der Studie war zu untersuchen, ob diskriminierende Geschlechterunterschiede auf sprachlicher Ebene in deutschen Stellenausschreibungen existieren und die Genderbias aufzudecken. Nach Gesamtbetrachtung der Ergebnisse kommen wir zum Schluss, dass strukturelle Ungleichheiten in der Sprache von Stellenanzeigen bestehen, die vorhandene Geschlechterunterschiede aufrechterhalten und verfestigen. Vor dem Hintergrund des beschriebenen Mechanismus der Zugehörigkeit, wonach sich Männer und Frauen vorrangig für Stellenausschreibungen interessieren, die in ihrer Geschlechtersprache formuliert sind (weil sie eben dadurch Passung und Zugehörigkeit erleben) , Ist es umso wichtige bereits in der Ansprache der zukünftigen Mitarbeiter auf eine genderneutrale Sprache zu achten.

Dass unser Tool, das Augmented Writing eine genderneutrale Sprache gewährleisten kann, haben wir bereits ausführlich in einem Blogbeitrag verfasst. Ein Blick lohnt sich daher sehr.

Zum Schluss möchten wir noch auf einen Gedanken von Gaucher et al. hinweisen. Der Anteil von geschlechtsspezifischer Formulierung in Ausschreibungen ist gering in Bezug auf die gesamte Wortanzahl (0,5 bis 1,5 Prozent aller Worte in Stellenausschreibungen sind geschlechtsspezifische Worte). Dennoch haben selbst kleinste Unterschiede schon einen Einfluss auf die Bewertung der Attraktivität der Stellenausschreibungen.

Das macht den starken (und auch schädlichen) Einfluss von geschlechtsspezifischen Formulierungen deutlich. In der Studie von Gaucher et al. konnten die Versuchsteilnehmer ungleiche Geschlechtersprache nicht bewusst wahrnehmen, denn sie gaben andere Gründe für ihre Attraktivitätseinschätzung an. Das wiederum führt aber dazu, dass Frauen ihr „Desinteresse“ an bestimmten Berufen externen Gründen (z. B. Anforderungen oder Fähigkeiten) zurechnen und so Berufe nicht in Frage kommen, die grundsätzlich aber doch passend gewesen wären.

Auszug geschlechtsspezifische Worte

Genderbias : Maskuline und feminine Wörter


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Gesis Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften

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