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So empfindet Corona-Deutschland

Apr 3, 2020 5:45:00 PM / by Daniel Spitzer, Aswathy Velutharambath, Lutz Büch

Der Gebrauch von Worten verrät etwas über den emotionalen Zustand der Autoren. Wir haben verschiedene Emotionen in Twitter über die letzten Tage verfolgt und analysiert.

Wie wir Worte gebrauchen ist nicht zufällig, sondern folgt zumeist unseren Gedanken, Intentionen und Emotionen. In unsere Analyse haben wir den Gebrauch von Sprache in Beiträgen von Twitter-Usern angeschaut. Die Analyse reicht zurück bis zum 27.2.20 und wird täglich erweitert. Zusammen mit unserer Trend-Analyse SigniTrend können wir erstaunliche Aussagen über die Entwicklung der Corona-Krise auf Twitter machen. In unserer interaktiven Grafik können Sie die einzelnen Verläufe zusätzlich an- und abwählen um so genauere Einblicke zu erhalten. Seien Sie gespannt.

Die Idee hinter der Blogserie

In unserer ersten Ausgabe dieser Blogserie blicken wir auf die Stimmungen im sozialen Netzwerk Twitter. Genauer gesagt schauen wir uns an, wie emotional Twitter-Nutzer in der aktuellen Zeit schreiben. Zusätzlich werfen wir einen Blick auf die Verwendung der Emotionen Angst und Traurigkeit in den Tweets.

Zunächst aber ein paar Details zu unserer Analyse: Wir sammeln seit dem 27. Februar Tweets, die mit dem Hashtag #Corona, #Coronavirus, #Covid19 versehen werden. Dabei kamen bisher über eine Million Tweets zusammen, die wir mit der 100 Worte Textanalyse auf verschiedenen sprachpsychologischen Kategorien untersuchten. Und jetzt zu unserer Auswertung der Tweets:

Hat Corona Auswirkungen auf die Stimmung in Twitter?

Als erstes schauen wir uns die Kategorie „Emotionalität“ an. Sie umfasst alle Worte, die entweder positive (z. B. „freundlich“, „begeistert“, „einträchtig“) oder negative Stimmung (z. B. „Alleinsein“, „blockiert“, „missmutig“) zum Ausdruck bringen. Insgesamt umfassen die 100 Worte Stimmungskategorien genau 32.871 Wörter und Formulierungen. Und nach denen hat unsere Analyse in den Tweets Ausschau gehalten. Hier die Ergebnisse:

  • Wie in der Grafik zu sehen ist, steigt die Emotionalität über den Betrachtungszeitraum an. Um die Befunde einzuordnen und die abstrakte Kurve mit realen Ereignissen in Verbindung zu bringen, haben wir in der grafischen Darstellung bedeutsame Vorkommnisse eingefügt, wie z. B. die Pressekonferenz von Gesundheitsminister Jens Spahn am 3. März, in der er vor Panik warnt (dieses Ereignis ist übrigens in unserer Grafik an der Stelle „2“ aufgeführt. Wenn Sie mit dem Cursor darüberhovern, bekommen sie das Ereignis angezeigt) oder die Verhängung des Einreisestopps des amerikanischen Präsidenten für Europäer am 9. März (Ereignis 4). Wie schnell ins Auge fällt, scheinen diese Ergebnisse einen Einfluss auf den Verlauf der Kurve zu nehmen, da sich deutliche Veränderungen im Verlauf der Emotionalität ergeben. Besonders ist hier auch Ereignis 8 zu erwähnen, die Verkündung der umfangreichen Soforthilfen, die zu einem Anstieg der positiven Stimmung führen. Tatsächlich können wir aber nicht sagen, ob diese Vorkommnisse ursächlich sind, denn das Vorliegen von zwei Merkmalen zu einem Zeitpunkt sagt noch nichts über Kausalität aus. Trotzdem scheint ein Zusammenhang naheliegend zu sein. Unabhängig vom Vorliegen bestimmter Ereignisse erklären wir den Anstieg der Emotionalität so: In dieser Krise, von denen einige schwerer betroffen sind als andere (sei es, dass sie in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten sind oder am Virus erkrankten), geht es schnell um die Existenz. Wie wir aus der Forschung zum Zusammenhang zwischen Depression und Sprache wissen, erhöht sich der Anteil emotionaler Sprache, wenn Menschen an einer Depression erkranken. Solch einen Zusammenhang fand sich z. B. in der Arbeit von Nalabandian & Ireland (2019) oder Eichstaedt, Smith, Merchant, Ungar et al. (2018).

  • Etwas anders sieht es aus, wenn wir uns die beiden Emotionen Angst und Traurigkeit anschauen. Beide haben nämlich ganz unterschiedliche Verläufe und weisen verschiedene Trends auf. Zunächst zur Emotion Angst: Zu dieser Kategorie zählen Wörter wie „alarmierend“, Bedrohung“, „nervös“ und sie umfasst 1.344 Einträge. Der Verlauf der gefundenen angstbezogenen Wörter nimmt sichtbar während des beobachteten Zeitraums ab. Das scheint zunächst etwas verwunderlich. Doch bei genauerer Betrachtung wird es klarer: Angst wird häufig als Unsicherheit vor dem Unbekannten beschrieben. Also immer dann, wenn wir nicht wissen, mit was wir es zu tun haben, entsteht Angst. Dieser Zustand des „Nicht-Wissens“ herrschte vermutlich am Anfang der Erhebung (also Anfang März) vor. Als immer mehr Politiker in die Öffentlichkeit traten (z. B. die beiden Pressekonferenzen von Gesundheitsminister Spahn am 2. / 3. März; Ereignis 1 / 2) und erklärten, mit was wir es da zu tun haben und wie wir damit umgehen können, entstand Klarheit und die Angst nahm ab. In seinem Modell des emotionalen Verlaufs von Krisen beschreibt Sinclair (2010) einen ganz ähnlichen Verlauf: Zunächst herrschen die Emotionen Unsicherheit und Angst vor, dann entsteht während der Phase der Isolation Hilflosigkeit und schließlich - am Ende der Krise - ein Gefühl von Optimismus und Erleichterung.

  • Anders als die Angst nimmt die Traurigkeit stetig zu. Wenn wir uns vor Augen führen, dass - wie schon oben beschrieben - diese Krise für viele auch Verlust (sei es der Verlust des gewohnten Alltags, des sicher geglaubten Jobs oder der Gesundheit) bedeutet, wird die Entwicklung erklärbar: Die aktuelle Situation geht für viele mit Verlust einher, die sich in Form von Traurigkeit äußert. Zuletzt gab es eine merkliche Abnahme der Traurigkeit. Möglicherweise lässt sich das durch die Soforthilfen für Kleinunternehmer und Solo-Selbstständige erklären.

Wie geht es weiter in unserem Blog: Wir werden auch in den nächsten Tagen Daten sammeln und verschiedene Kategorien betrachten. Im nächsten Beitrag wollen wir uns das Merkmal „wir“ anschauen, die spannende Rückschlüsse auf das „Wir-Gefühl“ in Deutschland zulässt. Wir freuen uns wieder auf interessierte Leserinnen und Leser. Bleiben Sie gesund!

 

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Tags: Social Media, Trend, Sprachanalyse, Textanalyse, Corona