Blog

Stärkt die Corona-Krise das Wir-Gefühl?

Apr 28, 2020 4:15:51 PM / by Daniel Spitzer, Aswathy Velutharambath, Lutz Büch

In diesem Beitrag wollen wir die beiden Kategorien „Ich“ und „Wir“ unter die Lupe nehmen. Diese Kategorien zählen zu den Personalpronomen und weisen einige interessante Zusammenhänge zu relevanten Merkmalen wir Dominanz oder Depression auf. Überhaupt wurden diese beiden Kategorie so stark beforscht, wie kaum anderen sprachliche Marker.

Um einen Überblick zu erhalten, welche Forschungsarbeiten es gibt, empfehlen wir unser Manual und darin Tabelle 1. Ganz grundsätzlich - und das ist schon so trivial, dass man es garnicht mehr nennen müsste - wird die erste Person singular „Ich“ immer dann verwendet, wenn eine Person von sich spricht. Die erste Person plural, also „Wir“ wird verwendet, wenn eine Person als Teil einer Gruppe von sich spricht.

Blick in die Forschung

Nicht so trivial sind dagegen die Befunde, die im Zusammenhang mit diesen Kategorien gemacht wurden. Ein besonders prominenter, da häufig gefundener Befund ist die vermehrte Verwendung von „Ich“ im Zusammenhang mit Depression und Unsicherheit. Die erste Person singular wird also von depressiven Menschen häufiger verwendet. Erklären lässt sich diese Veränderung durch einen stärkeren Fokus auf der eigenen Person und dem Empfinden, allein mit den eigenen Problemen zu sein. Auf der anderen Seite deuten Befunde aber auch darauf hin, dass Ehrlichkeit mit einen höheren Verwendung von „Ich“ in Verbindung steht.

Die Befunde für die erste Person plural zeigen, dass insbesondere dominante und in der Hierarchie hoch stehende Menschen häufiger „Wir“ (statt „Ich“) verwenden. Wenn sich eine Person als Repräsentant einer Gruppe versteht, denkt sie nicht nur an sich sondern an die Gruppe und verwendet natürlicherweise „Wir“. Die Untersuchung der Verwendung von Personalpronomen bei Gesprächen im Cockpit zeigte genau das: Der Kapitän benutzte am häufigsten „Wir“. „Wir“ wird aber auch häufiger verwendet, wenn es ganz generell darum geht auszudrücken, dass man sich als Teil einer Gruppe (in vorliegenden Kontext als Teil einer Nation) erlebt.

Stärkt die Corona-Krise das Wir-Gefühl?

Mit diesem Wissen im Hinterkopf schauen nehmen wir jetzt einen Blick auf den Verlauf der Verwendung der beiden Kategorien in Zeiten von Corona im sozialen Netzwerk Twitter. Nochmal zur Erinnerung: Wir sammeln seit dem 27. Februar Tweets, die mit dem Hashtag #Corona, #Coronavirus, #Covid19 versehen wurden. Die tausenden von Tweets wurden mit der 100 Worte Textanalyse untersucht. Da eine Konfundierung der Befunde durch Retweets zu befürchten war, berücksichtigten wir jeden Tweet nur einmal pro Tag. Nun zur Auswertung.

Es sticht ins Auge, dass die Verwendung von „Ich“ am Anfang des Erhebungszeitraum einer starken Veränderung unterworfen ist. Wurde die Kategorie zu Beginn der Erhebung häufiger verwendet, fällt sie bald danach deutlich ab. Für die „Wir“-Kategorie ist das Bild ein anderes. Hier scheint der Verlauf recht stabil mit einem deutlichen Anstieg Mitte / Ende März. Wie lassen sich diese Befunde erklären? Der Fokus scheint zu Beginn der Erhebung stärker auf der eigenen Person zu liegen. Das macht auch Sinn, da zu Beginn der Krise noch keiner wusste, welche Bedeutung sie für das eigene Leben haben wird. Auch hielten sich viele Politiker zunächst zurück um sich selbst ein Bild der Lage zu verschaffen.

Die Verwendung der ersten Person singular nahm stetig ab bis sie am 11. März erst einmal von der „Wir“-Kurve übertroffen wird (was sich bis zuletzt übrigens nicht geändert hat). Diese Veränderung legt einen Wechsel im Fokus nahe. Während die Menschen zunächst mit sich beschäftigt waren, änderte sich die Sichtweise hin zu einem stärkeren Gruppenfokus. Einen vorläufigen Höhepunkt hat die Verwendung der ersten Person plural um die Zeit der ersten Corona-Ansprache (Ereignis 2 in der Grafik) der Kanzlerin. Zu beobachten war nicht nur ein erhöhter Anteil von „Wir“ in Twitter.

Auch die Rede von Merkel, die wir ebenfalls untersuchten, enthielt mehr „Wir“ (3,7 von 100 Worten waren „Wir“-Worte) und als „Ich“ (1,6 von 100 Worten waren „Ich“-Worte). Natürlich ist sie als Kanzlerin in einer anderen Rolle als die landläufigen Twitter-Autoren, doch zeigen die Daten einen klaren Trend, die Gruppe in den Fokus zu nehmen. Anfang April nimmt der Gebrauch der ersten Person plural wieder ab und nähert sich der Kurve der ersten Person singular an. Im weiteren Verlauf des Aprils (ab Merkels Rede, in der sie zu Geduld ermahnt [Ereignis 5 in der Grafik] nimmt die ersten Person plural wieder zu. Die Diskussionen über die Fortführung der Lockdown-Maßnahmen, die ein gesellschaftliches Thema darstellen, könnten verantwortlich sein für diesen erneuten Anstieg.

 

Tags: Sprachanalyse, Textanalyse, Corona