Was sagt die Persönlichkeit? Merkel und Schulz im Vergleich

Wie sieht es aus mit der Persönlichkeit der Kandidaten?


Angela Merkel und Martin Schulz sind die großen Rivalen im Kampf ums Kanzleramt. Die Reden zur offiziellen Bekanntgabe ihrer Kandidatur legen deutliche Unterschiede zwischen beiden nahe. In diesem Artikel werfen wir einen Blick auf drei Persönlichkeitsbereiche der Kandidaten: Die grundlegenden Bedürfnisse, ihre Risikoorientierung und die emotionale Verfassung. Die Reden wurden dazu mit dem 100 Worte Sprachanalyse-Tool untersucht.

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Grundlegende Bedürfnisse: Beziehung, Erfolg und Macht

Menschen haben unterschiedliche Motivationen und Bedürfnisse, die sie antreiben. Grundsätzlich unterscheiden sich Menschen in drei Bedürfnissen: Dem Bedürfnis nach guten Beziehungen zu anderen Menschen, nach Weiterentwicklung und Erfolg im Leben sowie nach Kontrolle über andere, Status und Macht. Menschen mit einem hohen Beziehungsbedürfnis ist es wichtig, intensive Beziehungen zu anderen Menschen zu pflegen. Menschen mit einem hohen Erfolgsbedürfnis beschäftigen sich dagegen häufig mit der Frage, wie sie im Leben voran kommen. Ein hohes Machtbedürfnis geht mit dem Wunsch einher, sich selbst und andere zu kontrollieren und bemessen sich und andere nach ihrem Einfluss und Status.

Martin Schulz scheint sehr mit dem Thema Macht und Status beschäftigt zu sein, was Aussagen wie „Ich möchte in diesem Jahr Wahlen gewinnen“ oder „Ich scheue mich vor keinem Konflikt“ deutlich machen (Abbildung 1). Dadurch wirkt er dominant. Im Vergleich zu Schulz geht es Merkel stärker um Beziehungen. Aussagen wie „Das bestimmen wir alle“, als es um die Definition des „deutschen Volkes“ geht oder ihre Aufforderung sie in bei ihrer neuen Kanzlerkandidatur zu unterstützen „Ihr müsst, ihr müsst, ihr müsst mir helfen“ verdeutlichen, wie zentral das Thema Beziehungen und Zusammenarbeit bei Merkel ist. Nicht umsonst wird Merkel auch als ‚Mutti‘ bezeichnet. Beim Beziehungs-Bedürfnis nähert sich Schulz aber in seinen drei Reden seit Januar mehr und mehr Merkel an (Abbildung 2).

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Abbildung 1. Jeder Mensch hat unterschiedliche Bedürfnisse. McClelland, ein amerikanischer Sozialpsychologe, postulierte drei grundlegende Bedürfnisse: Das Bedürfnis nach Macht, nach Erfolg und Beziehung.
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Abbildung 2. Bedürfnis nach guten Beziehungen zu Anderen über den Verlauf

Chancen Nutzen oder Risiken vermeiden?

Merkel und Schulz unterscheiden sich aber nicht nur hinsichtlich ihrer Bedürfnisse. Differenzen finden sich auch im Hinblick auf ihren Fokus auf Chancen und Risiken. Insbesondere Schulz orientiert sein Handeln stark an möglichen Risiken und dem, was er verlieren kann. Keine schlechte Eigenschaft für einen Kanzler, regiert er doch ein Land. Bei der Risikoorientierung übertrifft Schulz Merkel in seiner ersten Rede aber deutlich. In dieser Rede spricht Schulz viel von Gefahren um dem, was in der Vergangenheit schief gegangen ist. Schulz Risikoorientierung lässt vermuten, dass er Entscheidungen mit Bedacht trifft. In den beiden folgenden Reden sank allerdings Schulz Risikoorientierung, wohingegen er sich mehr an dem orientiert, was er gewinnen kann. Möglicherweise geben ihm die positiven Reaktionen auf seine Kandidatur Aufwind.

Stimmung und Gefühle

Zuletzt wollen wir einen Blick auf die Gefühlslage der Kandidaten werfen. Die Grundstimmung der Kandidaten unterscheidet sich deutlich. Schulz skizziert kein gutes Bild der aktuellen Regierung. Für ihn ist die aktuelle Situation eher schlecht. Nach den vielen Jahren, in denen sich seine Partei in der Opposition befand, argumentiert Schulz, dass sich einiges in Deutschland ändern müsse. Merkel verbreitet dagegen eine optimistischere Stimmung und blickt positiver auf die aktuelle Situation und zukünftige Entwicklungen.

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Abbildung 3. Hier wird die Stimmung der Kandidaten gemessen. Anders als Emotionen sind Stimmungen langanhaltender und nicht so intensiv wie Emotionen.
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Abbildung 4. Messung einzelner negativer Emotionen

Dieses Bild setzt sich bei der Betrachtung einzelner negativer Emotionen fort. Beim Vergleich mit der Normstichprobe erreicht Schulz bei den Emotionen Trauer, Angst und Ärger die höchsten Werte. Am deutlichsten unterscheidet er sich dabei von Merkel bei Angst und Ärger. Einerseits drückt Schulz Angst dadurch aus, dass er sich der schwierigen Aufgabe bewusst ist. Sein Ärger kann auch als Quelle von Kraft und Dynamik verstanden werden, die es Merkel im Wahlkampf schwer machen wird. Zum Ausdruck kommen Gefühle von Ärger in Worten, die entschlossen und kriegerisch wirken: „Man muss den Rücken gerade machen und den Radikalen den Kampf ansagen“. Schulz‘ Angst und Ärger nehmen allerdings in seinen Reden im März und April deutlich ab. Vermutlich färben auch hier die positiven Reaktionen auf Schulz’ Kandidatur in der Bevölkerung auf ihn ab. Merkels Sprache wirkt oft kraftlos und schwerfällig. Das spiegelt sich auch bei der Analyse ihrer Emotionen wider. Emotional mitreißende Reden liegen ihr nicht.

Hintergrund

Die beschriebenen Ergebnisse wurden mit der 100 Worte Textanalyse ermittelt. Diese basiert auf wissenschaftlichen Befunden um den amerikanischen Sozialpsychologen James W. Pennebaker. In seiner langjährigen Forschungstätigkeit entdeckte er, dass ein besonderer Teil der Sprache, die sogenannten Funktionsworte, indikativ für viele Persönlichkeitsmerkmale sind. Die für die Auswertung notwendigen statistischen Kennwerte (wie z. B. Mittelwerte) basieren auf Daten von Pennebaker et al., die hier eingesehen werden können. Am Ende möchte wir betonen, dass 100 Worte ein parteienunabhängiges Unternehmen ist und nicht für die Inhalte der einzelnen Reden verantwortlich.

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