Wie künstliche Intelligenz Depression vorhersagen kann

Depression vorhersagen mit KI?

Neue Technologien erkennen einen Zusammenhang zwischen Sprache und Depression

Anhand des Sprachgebrauchs Schlüsse auf die Persönlichkeit ziehen- das ermöglicht das innovative 100 Worte-Analyseverfahren. Nicht nur die Persönlichkeit von Bewerbern kann anhand deren Bewerbungsschreiben analysiert werden. Auch kann die Sprache depressiver oder ehemals depressiver Personen untersucht werden, um Informationen über deren Persönlichkeit zu bekommen. Das 100 Worte-Analyseverfahren kann auf diesen Bereich angewendet werden, wobei die Befunde der bisherigen Forschung die Grundlage bilden. Sogar Facebook hat seit einigen Monaten eine Funktion in Gebrauch, mit der sich Posts suizidgefährdeter Personen einfacher finden lassen. Damit kann schneller Hilfe geleistet werden kann.

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Wissenschaftliche Befunde zu Sprachgebrauch und Depression

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Studien zum Zusammenhang von Sprachgebrauch und Depression belegen beispielsweise, dass ein verstärkter Gebrauch von Pronomen der ersten Person Singular („Ich“, „mein(e)“, „mir“, „mich“) häufiger bei depressiven oder einst depressiven Personen auftritt. Rude, Gortner und Pennebaker (2004) haben die Sprache depressiver, ehemals depressiver Studenten und solcher ohne Depressionen untersucht. Diese sollten Essays über ihre Anfangszeit an der Universität schreiben. Dabei konnte herausgefunden werden, dass depressive Studenten häufiger das Personalpronomen „Ich“ und negativ konnotierte Wörter, wie z.B. „traurig“, „einsam“, „schlecht“, gebrauchen als nicht-depressive Studenten. Unterschiede in diesen Dimensionen konnten zwischen den nicht-depressiven und ehemals depressiven Studenten nicht gefunden werden. Allerdings hat der Gebrauch von „Ich“ im Verlauf der Essays unter den ehemals Depressiven zugenommen.

Andere Untersuchungen (Brockmeyer et al., 2015; Al-Mosaiwi & Johnstone, 2018) haben die Befunde Rude et al.‘s (2004) bestätigt. Außerdem konnten sie Ergebnisse dafür finden, dass Pronomen der ersten Person Singular vermehrt verwendet werden, wenn die Personen über negative Ereignisse in ihrer Vergangenheit sprechen. Weiterhin konnten Al-Mosaiwi & Johnstone belegen, dass suizidgefährdete Personen eher dazu neigen, absolute Wörter zu verwenden, wie z.B. „nichts“, „niemals“ oder „alles“.

Facebook nutzt KI, um Suizidgefährdeten Hilfe zu leisten

Das soziale Netzwerk kann zwar nicht depressive Nutzer erkennen. Seit Kurzem ist es aber in der Lage, mithilfe von künstlicher Intelligenz suizidgefährdete Nutzer oder solche, die kurz vor dem Selbstmord stehen, zu erkennen. Somit kann man ihnen schnellstmöglich Hilfe anbieten. Der Vizepräsident des Produktmanagements von Facebook, Guy Rosen, veröffentlichte im November 2017 eine Meldung, in der eine neue Funktion vorgestellt wurde, die mithilfe von KI verdächtige Posts, Videos und Livestreams herausfiltert, in denen sich suizidgefährdete Nutzer zu ihren Gedanken äußern.

Dabei wird nach Wortmustern und suizidbezogener Bildersprache gesucht. Auch nach Kommentaren wie „Geht’s dir gut?“ oder „Brauchst du Hilfe?“ wir gesucht, weil diese ebenfalls Aufschluss darüber geben können, ob es sich um meldepflichtige Posts handelt. Mithilfe des Scans kann schneller Hilfe eintreffen. Außerdem werden dadurch diejenigen Fälle priorisiert, die dringender zu sein scheinen. Laut Rosen wurde diese Funktion in den letzten zehn Jahren in Zusammenarbeit mit Organisationen für seelische Gesundheit, wie z.B. Save.org oder National Suicide Prevention Lifeline, entwickelt. Wie genau und verlässlich die neue Technologie ist, ist leider unbekannt. Was auch daran liegt, dass Facebook keine Auskunft über die Analysekriterien gibt. Bisher kann Facebook überall in der Welt verdächtige Posts scannen, nur noch nicht in der EU. Hier gelten nämlich schärfere Datenschutzrichtlinien. Es sei aber geplant, die Funktion auch europaweit zu verwenden.

Der Anwendungsbereich, den 100 Worte vorschlägt

Mit dem 100 Worte-Analyseverfahren lassen sich nicht nur Soft Skills von Bewerbern oder Belange von Kunden erkennen. Auch Depressivität in Sprache kann erkannt werden. So lässt sich die 100 Worte-Analyse für Mitarbeiterbefragungen anwenden, in denen häufig auch offene Fragen gestellt werden, die die Mitarbeiter dann mit eigenen Worten beantworten. 100 Worte stützt sich dabei auf die Erkenntnisse der oben zitierten Studien und untersucht die Häufigkeit der vorkommenden Pronomen der ersten Person Singular, der absoluten sowie der negativ konnotierten Wörter in den Antworten der Befragungen. Somit lassen sich Angestellte, die eher dazu neigen, depressiv zu sein, oder solche die tatsächlich unter Depressionen leiden, frühzeitig erkennen. Deshalb kann eine schnellere Behandlung gewährleistet werden. Im Idealfall können dadurch langfristig Krankheitstage reduziert und das Mitarbeiterwohlbefinden maximiert werden.

Zitierte Studien

Al-Mosaiwi, M., & Johnstone, T. (2018). In an Absolute State: Elevated Use of Absolutist Words is a Marker Specific to Anxiety, Depression, and Suicidal Ideation. Clinical Psychological Science, 1-14.

Brockmeyer, T., Zimmermann, J., Kulessa, D., Hautzinger, M., Bents, H., Friederich, H.-C., Herzog, W., & Backenstrass, M. (2015). Me, Myself, and I: Self-Referent Word Use as an Indicator of Self-Focused Attention in Relation to Depression and Anxiety. Frontiers in Psychology, 6, 1-10.

Rude, S. S., Gortner, E.-M., & Pennebaker, J. W. (2004). Language Use of Depressed and Depression-Vulnerable College Students. Cognition and Emotion, 18 (8), 1121-1133.

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